Das Glück der Erde liegt bekanntlich auf ihrem Rücken. Deshalb legen wir auf dem heutigen Spaziergang durch Salzburg unser Augenmerk auf die Pferde. Und stoßen dabei unter anderem auf einen geschenkten Gaul, einen wilden Angsthasen und einen vergessenen König. 

Der geschenkte Gaul

Das Glück der Erde hat Abraham Lincoln offenbar bereits gefunden. Man entdeckt den 16. US-Präsidenten im Stadtteil Riedenburg. Im Garten des Lehrerhauses sitzt er in vollkommen entspannter Pose, ein Buch lesend, auf dem Rücken eines riesenhaften Pferdes. Der grasende Vierbeiner verharrt hier bereits seit mehr als 50 Jahren in bronzener Starre – obwohl der Standort eigentlich eine Notlösung war. Denn die meisten Bundesländer winkten dankend ab, als man einen Platz für das vier Meter hohe Geschenk aus Amerika suchte. Künstlerin Anna Hyatt Huntington und die National Art Foundation übergaben es den österreichischen Bürgern nach einem Besuch des Bildungsministers in New York.

"Abraham Lincoln in der Prärie" von Anna Hyatt Huntington (c) STADTBEKANNT Zohmann

„Abraham Lincoln in der Prärie“ von Anna Hyatt Huntington (c) STADTBEKANNT Zohmann

Die pflichtbewussten Lieferanten

Nicht ganz so groß, dafür weitaus lebendiger, sind jene Artgenossen, die nicht unweit des Lehrerhauses tagein, tagaus vor den Karren gespannt werden. Bereits von weitem hört man ein lautes „Buam, gemma!“, gefolgt von munterem Hufgetrappel. Früher waren es noch 26 Gespanne, die das Stiegl-Bier bis nach Oberndorf und Lofer brachten. Heute verfügt die Brauerei gerade mal noch über 4 PS. Das ist immerhin mehr, als andere vorweisen können. Denn Stiegl liefert als einzige österreichische Brauerei noch mit historischen Pferdekutschen aus. Im kleinen Umkreis beglücken die weißen, schwarz-gesprenkelten Noriker Prinz, Lord, Lenz und Remus ihre Kunden pflichtbewusst mit dem goldenen Gerstensaft.

Stiegl-Pferde im Dienst (c) STADTBEKANNT Zohmann

Stiegl-Pferde im Dienst (c) STADTBEKANNT Zohmann

Der wilde Angsthase

Nun geht es in die Altstadt. Am Herbert-von-Karajan-Platz befindet sich die Hofmarstallschwemme. Die meisten Passanten blicken staunend auf die kunstvollen Pferdefresken der Schauwand und verpassen dabei die energiegeladene Szenerie, die sich in der Mitte des Beckens abspielt. Erinnern soll der „Rossebändiger“ mit dem wildgewordenen Vierbeiner an Alexander den Großen und sein Pferd Bukephalos. Bukephalos warf all seine Reiter ab, denn er hatte tierische Angst vor dem Schatten, den Reiter und Pferd gemeinsam warfen. Alexander überlistete ihn, indem er den wilden Hengst so positionierte, dass er den Schatten nicht sehen konnte. Früher war die marmorne Figur übrigens in Richtung des heutigen Festspielhauses ausgerichtet. 1732 wurde das Becken umgebaut und das Standbild – schwuppdiwupp – einfach um 90 Grad gedreht.

Pferdeschwemme am Herbert-von-Karajan-Platz (c) STADTBEKANNT Zohmann

Pferdeschwemme am Herbert-von-Karajan-Platz (c) STADTBEKANNT Zohmann

Die wiehernde Straßenbahn

Wir machen uns auf den Weg Richtung Mirabellgarten. Dabei begegnet uns das eine oder andere Fiaker-Gespann, das sich tapfer durch die dichtbefahrenen Straßen kämpft. Wer vor 120 Jahren durch die Gassen schritt, hätte nun vielleicht auf die Pferde-Tramway zurückgreifen können. Von 1892 bis 1908 ratterten kleine und große, geschlossene und offene Pferdewagen mit 1 PS durch die Straßen der Innenstadt. Ihre Insassen brachten sie vom Hauptbahnhof über die Schwarzstraße zum Kapitelplatz und bis nach Nonntal. In den letzten Jahren verlief die Pferdebahn-Strecke nur noch zwischen Hauptbahnhof und Bazar. An der Endstation angekommen, wurde das brave Zugpferd für den Rückweg einfach wieder vor die andere Seite geschnallt.

Fiaker-Pferde am Residenzplatz (c) STADTBEKANNT Zohmann

Fiaker-Pferde am Residenzplatz (c) STADTBEKANNT Zohmann

Der vergessene König

Der König der Lüfte bildet den Abschluss unseres pferdelastigen Spaziergangs. Pegasus fühlt sich in seiner Pole-Position im Mirabellgarten sichtlich wohl. Kein Wunder, wurde er doch in der Vergangenheit etwas traumatisiert. 1661 geboren, zierte er zunächst die Pferdeschwemme am Kapitelplatz. 1700 musste er zur damaligen Mirabellschwemme am Mirabellplatz wechseln. Und dann begann das dunkle Kapitel: Nach dem großen Neustadt-Brand 1818 lagerte man das geflügelte Pferd ein und – man glaubt es kaum – vergaß es. 24 Jahre lang musste sich Pegasus gedulden, bis man ihn wiederentdeckte und auf den Makartplatz stellte. Doch die Freude währte nicht lange. Nur 17 Jahre später musste er erneut ins Depot, wo er schon wieder vergessen wurde. 1913 erinnerte man sich wieder und endlich gelangte er an seinen heutigen Standort. Dort thront er seither als König des Mirabellgartens, mit Blick Richtung Dom und hofft wohl inständig, dass man ihn nie mehr vergisst.

Pegasus im Mirabellgarten (c) STADTBEKANNT Zohmann

Pegasus im Mirabellgarten (c) STADTBEKANNT Zohmann

STADTBEKANNT meint

So manches Salzburger Geschichtsschmankerl ist einem Vierbeiner zu verdanken. Deshalb flanieren wir auf diesem Spaziergang von Pferd zu Pferd, um uns deren Geschichten anzuhören. So erfahren wir beispielsweise von einem tierisch großen Geschenk aus Amerika und einem ungewöhnlichen Verkehrsmittel um 1900. Aber nicht alle Erzählungen sind zum Wiehern. Bukephalos berichtet von seiner Panik vor dem Schatten und Pegasus von seiner Angst vor dem Vergessen-werden.

 

Wo wir waren

Salzburg Lehrerhaus
Hegigasse 9, 5020 Salzburg

Stiegl Brauwelt
Bräuhausstraße 9, 5020 Salzburg

Hofmarstallschwemme 
Herbert-von-Karajan-Platz, 5020 Salzburg

Mirabellgarten
Mirabellplatz 3, 5020 Salzburg