Vom Überfuhrsteg zur Aussichtskanzel

Das Rauschen der Salzach, das Trappeln von Kinderfüßen, das Gleisrattern eines Zuges: Geräusche aus der Aigner Vergangenheit erzählen Geschichten, die uns auf unserem Spaziergang begleiten.

Gemächlich fließt das Wasser der Salzach unter unseren Füßen dahin. Während der eine alle Viere von sich streckt und auf der steinernen Erhöhung eidechsengleich die Sonnenstrahlen aufsaugt, nutzt der andere den Überfuhrsteg lediglich als praktische Möglichkeit, die Salzachseite zu wechseln. Das war in früheren Zeiten nicht ganz so einfach. Denn bevor die Brücke vor 38 Jahren erstmals überquert werden konnte, verkehrte an dieser Stelle eine Fähre, die jährlich 100.000 Menschen zwischen Aigen und Josefiau beförderte.

Wasserrauschen

An die Fähre erinnert heute nur noch der Name des Boutique-Gasthofs Ueberfuhr, der seine Gäste auf der rechten Salzachseite erwartet und sich seit April in neuem, türkisfarbenem Gewande hüllt. Neben dem äußeren Erscheinungsbild erweist sich auch das Boutique-Konzept als Neuzugang. Heißt, dass hier gemäß dem „on-table“ Verkauf alles erworben werden kann, was Auge und Herz gefällt: Egal ob ein stylischer Kerzenständer, ein ansprechendes Gemälde oder die selbstgemachte Marillenmarmelade. Da der Magen aber bereits ein verärgertes Grollen von sich gibt, liegt unser Fokus auf den zum sofortigen Verzehr geeigneten Produkten – gut, dass hier von Freitag bis Sonntag schon ab Mittag geöffnet ist. Die Speisekarte ist übersichtlich, den Hauptspeisen gehört gerade mal eine Seite. Ist aber nicht schlecht, denn was hier geboten wird, ist frisch, regional und saisonal. Passenderweise holen wir uns mit dem Saibling aus dem Bluntautal mit Spargel und Risotto für € 17,50.- auch gleich den Fluss auf den Teller und genießen ihn im schattigen Gastgarten.

Boutique-Gasthof Ueberfuhr (c) STADTBEKANNT Zohmann

Boutique-Gasthof Ueberfuhr (c) STADTBEKANNT Zohmann

Gleisgeratter

Wem danach noch der Sinn nach einem Dessert und einem Ortswechsel steht, kann in der nicht weit entfernten Aigner Straße ins Café Guglhupf einkehren, wo man sich – unschwer zu erraten – neben schmackhaften Torten auf das runde Napf-Schmankerl spezialisiert hat. Besonders ist zudem, dass hier auch Diabetiker auf ihre süßen Kosten kommen. Leichtes und Kuchen ohne Weizenmehl gehen auf spezielle Bedürfnisse der Gäste ein. Gut gesättigt tut nun etwas Bewegung gut. Richtung Traunstraße kreuzen Bahngleise unseren Weg. Denn der zweitälteste Bahnhof der Stadt befindet sich in unmittelbarer Nähe. Bereits seit 1876 entleeren die Züge ihre Passagiere auf die Aigner Bahnsteige. Besonderes Aufsehen erregte der Aigner Bahnhof im Jahre 1969: Am 8. Mai versammelte sich an dieser Stelle eine Schar schaulustiger Salzburger, um einen Zug mit besonderer Fracht durchfahren zu sehen: An Bord befand sich Queen Elizabeth II mit ihrer Familie, die Salzburg für zwei Tage lang besuchte.

Bahnhof Aigen (c) STADTBEKANNT Zohmann

Bahnhof Aigen (c) STADTBEKANNT Zohmann

Fußgetrappel

Heute ist es ruhig in den von Villen gesäumten Straßen. Auf Höhe der Nummer 34 der Traunstraße verwehrt zunächst eine weiße Parkmauer den Blick auf ein Grundstück. Die Einfahrt gibt schließlich den Blick auf eine ansehnliche Villa frei, die einst einer weltberühmten Familie gehörte, derentwegen so mancher Tourist heute noch singenderweise durch die Stadt radelt. Durch die 22 Zimmer trappelten zwischen 1923 und 1938 die kleinen Füße der musisch talentierten Trapp-Kinder. Als die Familie 1933 in eine finanzielle Notlage geriet, kam allerdings noch das Getrappel fremder Gäste hinzu, denn Maria musste einen Teil des Hauses vermieten. Und diesen Zweck erfüllt das Haus heute noch, handelt es sich doch um ein hübsches Hotel, das wohl nicht nur Edelweiß-Fans in Entzücken versetzt.

Trapp-Villa (c) STADTBEKANNT Zohmann

Trapp-Villa (c) STADTBEKANNT Zohmann

Hochzeitsglocken

Die idyllische, von Kastanien gesäumte Graf Revertera-Allee lockt den feinsinnigen Spaziergänger in Richtung Aigner Schloss und entlässt ihn bei der Pfarrkirche, deren zwiebeltürmiges Häubchen schon seit 300 Jahren in die Höhe ragt. Mit fremden Federn schmückt sich das Gotteshaus allerdings, wenn es behauptet, Wolferls Eltern Leopold und Anna Mozart hätten sich in seinem Inneren das Ja-Wort gegeben. Dies taten sie eigentlich im Salzburger Dom – das Aigen-tliche Ereignis hingegen war die Verlobung einen Monat zuvor. Nicht minder stolz präsentiert sich das Schloss gleich nebenan – kein Wunder, ist es doch Namensgeber des Stadtteils und war einst berühmt für seine heilenden Wildbäder. Da es heute in Privatbesitz ist, steuern die Menschen eher das Haubenlokal Gasthof Schloss Aigen im Nebengebäude an, das 1888 in der Zeitung auch mit „Soole- und Mineralbädern im Haus“ warb. Zudem erwähnte das Inserat „reizendste Aussichtspunkte“, die den abschließenden Programmpunkt unseres Spaziergangs bilden werden.

Pfarrkirche Aigen (c) STADTBEKANNT Zohmann

Pfarrkirche Aigen (c) STADTBEKANNT Zohmann

Hexengekicher

Der wildromantische Aigner Park, der sich hinter dem Schlossgebäude ausbreitet, ist angeblich vollgepumpt mit kraftspendenden Energien und war im 19. Jahrhundert über die Grenzen Salzburgs bekannt. Zahlreiche kleine Wegweiser erzählen von klingenden Orten wie „Jägerebene“ oder „Bitterquelle“. Wir folgen dem malerischen Weg über kleine Brücken durch eine Klamm bis zur „Unteren Grotte“, auch bekannt als „Hexenloch“. Ein idealer Rückzugsort – und wahrscheinlich deshalb auch einst ein geheimer Treffpunkt der Salzburger Illuminatenloge „Apollo“.

"Hexenloch" (c) STADTBEKANNT Zohmann

„Hexenloch“ (c) STADTBEKANNT Zohmann

Zur Zeit ist kaum Wasser in der Höhle – wir nutzen die Gelegenheit und betreten das finstere Loch. Dort erwartet uns zwar keine Hexe, dafür aber ein kleiner plätschernder Wasserfall, wo das Licht des Ausgangs bereits ein mystisches Licht auf die Felsen wirft. Rechts vom Hexenloch geht es über Holzleiter-Stufen hinauf und bei einer Weggabelung rechts Richtung Kanzel. Dieser Aussichtspunkt, der den Blick bis zur Festung freigibt, war überaus beliebt bei Malern der Romantik und ist gleichsam unser romantisches Spaziergangsziel.

Aussichtspunkt "Kanzel" (c) STADTBEKANNT Zohmann

Aussichtspunkt „Kanzel“ (c) STADTBEKANNT Zohmann

STADTBEKANNT meint

Wer vom Überfuhrsteg zum Aigner Park spaziert, kommt nicht umhin, sich die eine oder andere Frage zu stellen: Warum versammelte sich 1969 eine Menschentraube am Aigner Bahnhof? Welche weltberühmte Familie bewohnte die Villa in der Traunstraße? Und mit welchen fremden Federn schmückt sich die Pfarrkirche Aigen? Antworten auf diese Fragen finden wir bei einem kulinarisch erfüllenden und landschaftlich ansprechenden Spaziergang.

 

Hotspots

Boutique-Gasthof Überfuhr – Ignaz-Rieder-Kai 43
Mi-Do ab 17:00 Uhr
Fr-So & Feiertag 12:00 – 21:30 Uhr

Café Konditorei Guglhupf – Aignerstraße 53
Mo-Sa 08:00 – 20:00 Uhr

 

Route